Amanita muscaria in der Antike

von P.D. (Frankreich) und Giorgio Samorini; Übersetzung Hartwin Rohde (T.E.R. Vol VII #2, S. 34-36)

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

Als ER die Informationen von P.D. erhalten hatte, setzten sich die Herausgeber mit GIORGIO SAMORINI in Verbindung. SAMORINI ist der Herausgeber von Eleusis und als Experte hinsichtlich antiker, pilzbezogener Kunst bekannt. Er brachte freundlicherweise seine ergänzenden Bemerkungen, die Fotografie und bibliografische Hinweise ein. Wir danken für diese Bereicherung.

In Südfrankreich gibt es ein sehr hübsches Gebirge, es nennt sich „Seealpen“. Es ist das letzte Bergmassiv der Alpenkette, gerade dort, wo die Alpen ins Mittelmeer auslaufen.

Im weitest entfernten Teil dieses Gebietes befindet sich ein, in der Antike heiliger, Berg namens „Mont Bego“. Auf diesen Berg sind tausende prähistorischer Felszeichnungen gepunzt. Die meisten dieser Zeichnungen sind 2500 bis 14 vor unserer Zeitrechnung entstanden. Es ist einer der ältesten und bedeutendsten europäischen Orte dieser Art.

Drei eindrucksvolle, wilde Täler führen zu diesem Berg, von denen angenommen wird, dass sie drei verschiedene heilige Wege sind. Das Tal, welches den Berg umgibt, wird „Tal der Wunder“ genannt. Der obere Teil des Tales öffnet sich zur wichtigsten Stelle der Felszeichnungen, und an seinem oberen Ende, direkt am Fuß des heiligen Berges, befindet sich das zentralste und wichtigste Gebiet – der „Altarstein“.

Dies ist ein großer, schroffer, dunkelroter Felsen, der auf einer großen, mit tausenden Punzungen versehenen, Platte glatten Felsens steht. Aus einem sehr kleinen Loch in dieser Platte sprudelt eine kleine Wasserquelle. Dieser Felsen steht dort wie ein Altar im Zentrum einer gigantischen natürlichen Kathedrale.

 

Der „Stammesführer“ und die Darstellung eines Pilzes auf dem Berge Bego

Foto: Giorgio Samorini

 

Direkt vor dieser magischen Stelle, gerade dort, wo sich das Tal zum letzten mal verjüngt, steht eine einzelne große Steinplatte. Sie wurde dorthin transportiert, aufgerichtet und gepunzt – in diesem Zusammenhang ein einmaliger Fall. Die Punzungen, und der Felsen selbst, sind  in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Der Felsen ist ein sehr zentrales Element und steht exakt wie die Fassade einer mittelalterlichen Kirche auf dem heiligen Pfad. Die Punzungen könnten also den zentralen Bestandteil eines sehr frühen, antiken Kultes darstellen.

Diese Zeichnungen beinhalten auch eine der dort sehr selten anzutreffenden, menschlichen Darstellungen. Man hat die Figur „Stammesführer“ genannt. Dieser mögliche „Stammesführer“ könnte allerdings vielmehr einen Schamanen repräsentieren, dessen pflanzlicher Verbündeter oder dessen visionäre Pflanze der mythische Pilz Amanita muscaria war. Genau wie für die sibirischen- und Ojibway Schamanen, für welche die Kraft des Amanita muscaria direkt mit dem Licht in Verbindung stand (Stafford, 1992), ist unser „Stammesführer“ durch die Kraft des Pilzes erleuchtet (durch den Blitz symbolisiert). Ein anderer beeindruckender Fakt ist eine These, die in den letzten anderthalb Jahrhunderten von einer großen Forscherzahl erarbeitet wur-de, nach der dieser Platz deutlichen Indisch-Europäischen Einflüssen unterlag, die bis zu den Anfängen der Vedas zurückreichen. Es ist unglaublich, keiner der Gelehrten – soweit ich weiß – identifizierte das kleine Motiv über dem Kopf des erleuchteten „Häuptlings“ als Pilz der Gattung Amanita muscaria. (Unnötig zu erwähnen, dass dieser Pilz überall in den unteren Lagen dieser Berge wächst.) Statt dessen entwickelten die Gelehrten alle möglichen hoch komplizierten Interpretationen zu dieser sogenannten „abstrakten Darstellung“.

Dort hat im Südosten Frankreichs, in den See-alpen, ein antiker Kult existiert – 4500 Jahre alt. Seine Ursprünge gehen zurück bis in die Jungsteinzeit, 2500 vor unserer Zeitrechnung. Dieser Kult hat sich durch die gesamte Bronze- und Eisenzeit gehalten und wurde erst durch die einfallenden Römer um 14 vor unserer Zeitrechnung beendet. Dieser Kult schamanistischer Praktiken wurde von Vedischen oder Vor-Vedischen Religionen direkt beeinflusst.

Wenn wir annehmen, dass dieses Motiv tatsächlich ein Amanita muscaria ist, und wenn Gordon Wasson mit seiner Identifizierung dieses Pilzes als Hauptbestandteil das Vedischen Soma Recht hat, müssen wir daraus schließen, dass beide den heiligen sibirischen Pilz als normalen Bestandteil ihrer schamanischen und religiösen Handlungen nutzten. Das könnte eine wirklich neue Entdeckung sein!

Sollten außerdem die Forscher Recht haben, die einen Vedischen Einfluss auf diesen Jungsteinzeitlichen Kult in Europa annehmen, und sollte dieses Motiv tatsächlich einen A. muscaria darstellen, dann könnte das die erste archäologische Entdeckung zur Bestätigung der Theorie Gordon Wassons, bezüglich des Soma der Veden, sein.

Weiterführende Betrachtungen des Pilzbildes auf dem Mont Bego

Antwort auf den obigen Artikel von Giorgio Samorini

Die Steinzeichnungen auf dem Mont Bego sind mir seit vielen Jahren gut bekannt, ich gehe schon immer davon aus, dass es sich bei diesem Bildnis auf dem „Altarstein“ um die eindeutige Darstellung eines Amanita muscaria handelt.

Abgesehen von den Pilzbildern Skandinavischer Steinzeichnungen (Kaplan 1975), ist dies die einzige derzeit bekannte künstlerische Darstellung des Fliegenpilzes aus dem prähistorischen Europa. Die Punzungen des Mont Bego sind Teil einer größeren Ansammlung solcher Steingravuren im Alpenraum, die ab der Frühsteinzeit bis zum Beginn unserer Zeitrechnung angefertigt wurden. Die größte Konzentration solcher Steinzeichnungen (mehr als 100.000 Bilder) befindet sich in Valcamonica (Italien) und ist ein Werk des Camuns-Volkes (siehe Anati 1982). Ich stellte in einem früheren Werk fest, dass in der Umgebung dieser gravierten Felsen von Valcamonica eine große Menge psychoaktive Pilze zu finden sind (Amanitas und Psilocybes). Ich stellte die Vermutung an, dass diese Pilze eine nicht ganz unwesentliche Rolle in den Kulten und Riten der Camun gespielt haben könnten (Samorini 1988). Desweiteren sollte nie vergessen werden, dass all die Steinkunst der Camun, allgemein die Alpinen Punzungen, grundsätzlich mit religiösen Kulten in Verbindung gebracht werden.

Die zweitwichtigste Ansammlung solcher Steingravuren im Alpenraum (über 30.000 Bilder) findet sich auf dem Mont Bego und im „Tal der Wunder“. Studien dieses vorgeschichtlichen Gebietes werden seit mehr als hundert Jahren betrieben (siehe Bernardini 1971; Blain 1976). Die am stärksten hervorstechende Eigenschaft dieser Gravuren ist ihre Höhenlage (2000-2500 m ü.d.M.) und die deutliche –manche würden sagen: ‚obsessive‘– Präsenz gehörnter Tiergötter (hauptsächlich Rinder-ähnliche). Eine weitere Eigenart stellt die Tatsache dar, dass praktisch alle Tiergötter derart eingraviert wurden, dass ihre Hörnerspitzen in Richtung Ber-gesspitze zeigen – das kann kein Zufall sein. Man hat beobachtet, dass der Mont Bego einer der am häufigsten von Blitzen getroffenen Berge der Seealpen ist. In mehr als einer Arbeit wurde deshalb die Vermutung angestellt, dass er eben wegen dieses meteorologischen Phänomens als Heiliger Berg gesehen wurde. (siehe z.B. Marro 1945-46). In der Antike war der Glaube weit verbreitet, dass heilige Orte an genau dieser Charakteristik erkennbar sind. Unnötig zu erwähnen, dass die Zickzack-Form der Bergspitzen dieses Berges ebenso an Blitze erinnern. Eine größere Zahl Wissenschaftler haben darauf schon hingewiesen (z.B. Marro 1945-46). Wir sollten uns nun jedoch dem „Altarstein“ mit der beschriebenen Szene zuwenden, zu der ich meine eigenen Beobachtungen machte, die ich denen des vorherigen Artikels von P.D. hinzufügen möchte.

Die menschenähnliche Figur, genannt „Stammesführer“, wurde für ein heiliges Menschenopfer gehalten, da ein Messer auf seine rechte Kopfhälfte zu zeigen schien. Weil auf dem vorhangähnlichen Gewandt der Schädel einer Kuh abgebildet ist, wurde lange Zeit angenommen, dass es sich um eine heilige Handlung des Mithra-Kultes handelt. Durch mittlerweile bessere Altersbestimmungen ist diese Zeichnung jedoch in eine Zeit, deutlich vor dem Eintreffen der Römischen Legionen, die den Kult bei ihrem Durchmarsch aufbrachten, zurückgerückt. Somit ist diese These also hinfällig (Dufrenne 1986). Es gibt auch noch einige Korrekturen für die Thesen jener Forscher, die in dieser Figur eine verehrte oder höhergestellte Person sehen (Dufrenne 1985; Maringer 1979).

Meiner Meinung nach präsentiert diese Szene schamanische Konnotationen, es sind ein Pilz und eine Treppe zu sehen – beides grundlegende Elemente einer schamanischen Initiation (Eliade 1964; Samorini 1990). Einige Forscher haben überraschende Analogien zwischen den prähistorischen Steingravuren in Italien (Valcamonica, Valtellina) und Indo-Europäischen Symboliken / religiösen Konzepten festgestellt (Anati 1977; Piantelli 1983). Zu Beginn dieser Forschungen fand Roland Dufrenne (1985, 1986) engere Analogien zwischen den Symboliken von Steingravuren des Mont Bego und der indischen Vedas. In Vedischen Kultzeichnungen finden wir einerseits größere Ansammlungen heiliger Zeichen und Gebete, andererseits aber auch Messer und Pfeile, die auf den Kopf des Dargestellten oder in dessen Herz zeigen. Folgen wir Dufrenne, so sehen wir genau dieses in der Szene auf dem Mont Bego – ein Messer, welches den Kopf des Dargestellten berührt. Das Pilzbild wird grundsätzlich immer als Rinderschädel, Messer oder irgend eine andere rituelle Waffe interpretiert – egal wie schwer es auch sein möge in diesem Bild auch nur irgend etwas Waffenähnliches zu sehen. Die Verdickung des Griffes oder der Klinge (welchen Teil einer Waffe das nun auch  darstellen soll) macht eher den Eindruck des Velumringes am Stiel, und die eingravierten Punkte auf dem dickeren Ende der Figur könnten die Velumreste auf der Kappe eines Fliegenpilzes sein. Dufrenne zählte sieben Punkte und sah darin einen direkten Bezug auf die sieben mysteriösen Kräfte des Universums oder die sieben ursprünglichen Gebete der Vedischen Weltsicht. Allerdings wissen wir auch, dass die Zahl Sieben ebenso einen engen Bezug zur Schamanistischen Symbolik Sibiriens und der Nutzung des Fliegenpilzes hat. Samische Schamanen nutzen z.B. nur Fliegenpilze mit sieben Punkten auf der Kappe (T.I. Itkonen, siehe Wasson 1968: 279). ?

Bezugsquellen
Hier sind exemplarisch Bezugsquellen  aufgeführt.

Psychoaktive Pilze

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