Absinth

Absinth

Artemisia absinthium

mit Beiträgen von Bastian Borschke, Markus Berger und Konrad Lauten

Seit dem Altertum ist sie bekannt, die Medizinal- und Rauschpflanze Artemisia absinthium. Ihre Heilkraft wurde in magenstärkenden Likören und Weinen genutzt, ihre inspirierende Wirkung schätzten Poeten, Musiker und Maler. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts kam dann das Verbot und die Ächtung. Nun, fast ein Jahrhundert später kann man Absinth wieder als Likör kaufen. Was steckt aber hinter dem ganzen Werbegetön, welches uns die „Grüne Fee“ als neues Kultgetränk verkaufen will? Ist das, was wir heute kaufen können, wirklich vergleichbar mit dem, was aus politischen und wirtschaftlichen Gründen dereinst verboten wurde? Unter welchen sozialen Umständen wurde Absinth verboten und wer war der typische Absinthverbraucher? Kann man sich seinen Absinth selbst herstellen oder ist das dann doch eher ein komplizierter Vorgang? Welche Wirkungen hat der Wermut (Althochdeutsch Werm-uot = wärmende Wurzel) eigentlich, wenn man ihn nicht zu hedonistischen Zwecken als Entheogen verwenden möchte? Wie kann ich die Heilwirkungen des Artemisia absinthium selbst nutzen ohne gleich einen 70%-igen Schnaps hinterkippen zu müssen? In den folgenden Artikeln werden die jeweiligen Autoren auf diese und weitere Fragen fundierte Antworten geben, die Grüne Fee ist eben doch etwas mehr als gute Stimmung und der Kater am nächsten Tag.

Absinth -von der Wiederentdeckung der grünen Fee

Bastian Borschke

Was ist Absinth?

Absinth ist, kurz gesagt, ein alkoholisches Getränk ( mindestens 50%vol.), das, neben anderen Kräutern, die hauptsächlich zur Aromatisierung beitragen, einen Extrakt aus Wermutkraut (Artemisia absinthium) enthält. Die psychoaktiven Wirkungen, die diesem Getränk zu seiner Berühmtheit verholfen haben, lassen sich auf das Zusammenspiel zwischen dem, im Wermut enthaltenen, Wirkstoff Thujon und dem Alkohol (Ethanol) zurückführen. Die Blütezeit des Absinth liegt in der Mitte des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, wo die „grüne Fee“ Lieblingsgetränk und Inspiration vieler Künstler und Intellektueller war. Zahlreiche Mythen und Geschichten ranken sich um den Aufstieg und Fall dieses Likörs und viele halfen dabei, eine Aura zu kreieren, die dem Absinth noch immer anhaftet und möglicherweise seine bleibende Faszination auf heutige Generationen verständlich macht.

Die Geschichte des Absinth

Man geht davon aus, dass wermuthaltige Getränke bereits in der Antike bekannt waren und dort auch gegen eine Reihe von Beschwerden (erfolgreich) medizinisch eingesetzt wurden. Beliebte Darreichungsformen waren z.B. der Wermut im Wein oder einfache wässrige Pflanzenauszüge.

Der Geburtsort des Absinth liegt, aller Wahrscheinlichkeit nach, in der französischen Schweiz, von wo aus die Spirituose einen beispiellosen Aufstieg erlebte.

1797 gründete Henri-Louis Pernod, zusammen mit seinem Schwager und Schwiegervater, die erste Absinth-Brennerei im Val de Travers. Das Rezept für den berauschenden Likör, der ihm später zu Weltruhm verhelfen sollte, hatte er (so erzählt man sich zumindest) von einer Madame Henriod gekauft. 1805 wurde die Produktion in das französische Pontarlier verlegt.

Der eigentliche Durchbruch für den Absinth kam (unter anderem) durch den von Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts geführten Krieg in Algerien. Die Soldaten erhielten hier Absinthrationen, die mit der Hoffnung auf Steigerung der Kampflust oder einfach mit der antiseptischen Wirkung der Spirituose begründet wurden. Als die Soldaten nach Ende des Krieges in ihre Hei-mat zurückkehrten, hielten sie weiter an ihrer liebgewonnenen Gewohnheit fest und halfen somit, Absinth in Frankreich populärer zu machen.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender, Faktor, der dem Absinth zu seiner Beliebtheit verhalf, waren die, im späten 19.Jahrhundert, stark gestiegenen Weinpreise. Die „grüne Fee“ war hingegen günstiger denn je zuvor.

Schnell wurde es Sitte und Kult, am Nachmittag ein Gläschen Absinth in einem der zahlreichen Cafes Frankreichs zu trinken. Diese nachmittagliche Stunde bekam schon bald den Namen

„l‘ heure verte“ ( die grüne Stunde). Unter den zahlreichen Absinth-Konsumenten befanden sich viele Dichter, Maler und Poeten, so z.B. . Vincent van Gogh, Oscar Wilde, Charles Baudelaire, Charles Cros, Paul Gauguin, Ernest Hemingway, Pablo Picasso, um hier nur einige zu nennen.

Viele Werke dieser Künstler sollen im Absinthrausch entstanden sein und manche tragen den Absinth sogar im Namen.

Nach dem grandiosen Aufstieg dieses geistigen Getränkes kam auch bald der Fall. Zunehmend mehrten sich Gerüchte um angeblich durch Absinth ausgelöste Krankheiten, wie Epilepsie, Überregbarkeit und Wahnsinn. Diese Leitsymptome wurden zu einer Krankheit, dem sogenannten „Absinthismus“ zusammengefasst. Der letzte Tropfen, der das sprichwörtlicheFass zu überlaufen brachte, war wohl der tragische Mord, den ein, als Trinker bekannter, Mann namens Jean Lanfray im Absinthrausch an seiner Familie beging. Die Tat brachte ihm den Beinamen „Absinthmörder“ ein. Man geht jedoch davon aus, dass die waren Gründe, die schließlich zum totalen Verbot der „grünen Fee“, Anfang des 20.Jahrhunderts, geführt haben, eher ( wie so oft) politischer Natur waren. Die damals stark gestiegenen Weinpreise hatten viele Menschen dem Wein den Rücken kehren und auf Absinth umsteigen lassen. Der mächtigen Weinindustrie war das natürlich gar nicht recht und so wurde halt „Recht gemacht“… Am 27.04.1923 trat in Deutschland das Absinthverbot in Kraft. Zu diesem Zeitpunkt war Absinth in der Schweiz und in Frankreich bereits verboten. Nachdem 1981 das Absinthverbot aufgehoben wurde, die Beimengung von Wermutöl jedoch nach der Aromenverordnung weiterhin strafbar war, kam 1998 der Freispruch für Absinth als thujonhaltiges Getränk. Absinth ist nun wieder (mit reduziertem Thujon-Gehalt) legal zu erwerben und zahlreiche Firmen erkannten schnell die Chancen, die sich dort zeigten.

Die Wirkstoffe : Thujon und Alkohol (Ethanol)

Die psychoaktiven Wirkungen des Absinth lassen sich, im wesentlichen, auf das Zusammenspiel der Substanzen Thujon und Alkohol zurückführen. Bei dem Thujon ( C10 H16 O ) handelt es sich um ein Monoterpen, welches im ätherischen Öl von Wermut (Artemisia absinthium), Rainfarn ( Chrysanthemum vulgare), Lebensbaum (Thuja occidentalis) und Gartensalbei (Salvia officinalis) enthalten ist. Thujon (auch Tanaceton genannt) ist farblos, löst sich kaum in Wasser, weshalb sich hier Ethanol, Diethylether und Chloroform als ideale Lösungsmittel anbieten. Da es sich bei dem Thujon um ein starkes Nervengift handelt, kann langandauernder, exzessiver Gebrauch von Wermutöl oder Spirituosen, die Wermutöl in größerer Konzentration enthalten, zu einer Schädigung des ZNS, insbesondere des Gehirns, sowie zu Krämpfen und Nervosität führen. Die gleichen Symptome können auch nach einer hochdosierten Einzelgabe auftreten.

Thujon entfaltet seine psychoaktiven Eigenschaften bereits bei geringer Dosierung (2mg/kg Körpergewicht), es zeigen sich dann allgemeine Erregung und leichte Rauschzustände mit teilweise (mild ausgeprägten) psychedelischen Wahrnehmungsveränderungen.

Neuere toxikologische Untersuchungen stellen die Hauptschuld des Thujons an der, durch chronischen Missbrauch von Absinth hervorgerufenen, Krankheit „Absinthismus“ in Frage.

Wahrscheinlicher ist, dass es sich hier um Auswirkungen hochdosierten Alkoholkonsums handelt, bei dem das Thujon nur einen kleineren Anteil an der Symptomatik haben dürfte.

Bedenkt man, dass Absinth meist einen Ethanol-Gehalt von 50-70% Vol. aufweist, so drängt sich diese Vermutung geradezu auf.

Interessant ist, dass Thujon eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem Hauptwirkstoff der Cannabis-Pflanze Tetrahydrocannabinol (THC) aufweist. Meschler und Howlett führten 1999 ein Experiment mit Ratten durch, um den Einfluss von Thujon auf die Cannabinoid-Rezeptoren zu untersuchen. Eine Beeinflussung der besagten Rezeptoren ließ sich nur bei einer sehr hohen Thujon-Konzentration im Blut beobachten. Es ist als eher unwahrscheinlich einzustufen, dass ein Ab-sinth-Konsument jemals derartige Thujon-Konzentrationen erreicht. (Meschler und Howlett 1999)

Ethanol (C2H5OH) spielt beim Absinth gleich 2 entscheidende Rollen: zum Einen ist er Lösungsmittel, in dem das thujonhaltige Wermutöl und andere aromatische Pflanzenzusätze gelöst werden, zum Anderen ist er selbst psychoaktiv und somit maßgeblich an dem, durch Absinth induzierten, Rauschzustand beteiligt. Nach der Einnahme von Ethanol werden maximale Plasmakonzentrationen nach ca. 1-2h erreicht, danach wird der Alkohol in der Leber metabolisiert. Die Geschwindigkeit der Elimination bleibt beim Alkohol ( unabhängig von der Konzentration) konstant. Geringe Mengen Ethanol wirken meist anregend, euphorisierend und anxiolytisch. Es kommt zu einer zunehmenden Einschränkung des Reaktionsvermögens und der Kritikfähigkeit. Steigt die Alkoholkonzentration, treten die dämpfenden Wirkungen in den Vordergrund. Eine akute Ethanolvergiftung ist sehr gefährlich und muss sofort behandelt werden, ansonsten kann der Tod durch Atemlähmung oder Kreislaufversagen eintreten.

Regelmäßiger Konsum von Alkohol (in kurzen Zeitabständen) kann zu chronischem Alkoholismus, also zur Abhängigkeit, führen. Die Therapie dieser Erkrankung ist schwierig und muss in jedem Fall unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden.

Die Pflanze: Wermut (Artemisia absinthium)

Der Wermut zählt zur Familie der Korbblütler (Compositae). Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich von seiner ursprünglichen Heimat in Nordafrika und Asien über ganz Europa. Artemisia absinthium ist ein häufig auf Ruderalflächen anzutreffender, etwa einen Meter hoher, aufrechter und verzweigter Halbstrauch. Die Blätter sind wechselständig, ein-bis dreifach gefiedert und silbergrau behaart. In der Blütezeit, von Juli bis September, erscheinen die kleinen, kugeligen, gelben Blüten, welche in aufrechten Rispen stehen.

Die für die heilenden Wirkungen des Wermuts verantwortlichen Wirkstoffe befinden sich in den Blättern und Blüten. Zu den aktiven Bestandteilen zählen vor allem ätherisches Öl, Gerbund Bitterstoffe (Sesquiterpenlactone), Thujon, Absinthin, Artabsin, Azulen, Matricin und Vitamine.

Das ätherische Öl enthält das psychoaktive Thujon, das wir auch im Lebensbaum (Thuja occidentalis), im Rainfarn (Chrysanthemum vulgare) und im Gartensalbei (Salvia officinalis) finden können.

Bereits in der Antike wurde der Wermut wegen seiner Heilkraft geschätzt und verehrt. Zahlreiche Schriften bezeugen die vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten der Pflanze, die häufig gegen Verdauungsbeschwerden, als wurmtötendes Mittel oder auch als Gegengift gegen Schierling und Giftpilze eingesetzt wurde. Dioskurides berichtet, dass der Wermut, wenn man ihn in Kleiderschränken aufhängt, die Fähigkeit besitzt, die Kleidung vor Mottenfraß zu schützen. Zusammen mit Öl soll er, auf der Haut aufgetragen , die Mücken vertreiben. Interessant ist, dass Artemisia absinthium schon im alten Ägypten als Zusatz für Wein und Bier bekannt war.

Auch die moderne Pflanzenheilkunde nutzt die gesundheitsfördernden Wirkungen des Wermuts.

Von ganz besonderem Wert sind hierbei die Bitterstoffe der Pflanze, die über die Erregung der Geschmacksknospen zur Anregung der Verdauunstätigkeit beitragen. Positive Auswirkungen auf Magen, Leber und Galle sind vielfach belegt, weshalb Wermut häufig zur Behandlung von Appetitlosigkeit, Völlegefühl sowie zur Linderung von Leber-und Gallebeschwerden herangezogen wird. Der berühmte Naturarzt Maurice Messegue schreibt in seinem Heilkräuter-Lexikon:

…[Artemisia absinthium] kann Gelbsucht heilen, und ich verschreibe ihn gerne den Rekonvaleszenten, die sich von einer nervösen Leberentzündung erholen. Außerdem wirkt er fiebersenkend; vor der Entdeckung des Chinins verwendeten unsere Vorfahren große Mengen davon. (Messegue 1975)

Wermut lässt sich relativ einfach aus Samen ziehen. Da die Pflanze ein Lichtkeimer ist, sollte man die Saat nicht mit Erde bedecken. Es ist auch möglich, kleine Pflänzchen in einer Gärtnerei zu kaufen. Bedenkt man, dass man meist nur eine (oder zwei) Pflanzen für den Eigenbedarf an Heilkraut benötigt, so bietet sich diese Alternative durchaus an. Die Aussaat kann ab Ende April direkt ins Freiland erfolgen, wo die Saat dann meist nach ca. 12-14 Tagen keimt. Wermut stellt keinerlei besondere Ansprüche an seine Umgebung, doch wird ein durchlässiger, kalkhaltiger Boden bevorzugt. Wichtig ist es, den Wermut an einen Ort zu pflanzen, wo er viel Sonne bekommt, da die Sonneneinstrahlung wesentlich zur Ausbildung des ätherischen Öles ( und somit des Aromas) beiträgt. Da sich der Wermut schlecht mit anderen Pflanzen verträgt ( besonders Fenchel, Zitronenmelisse und Salbei) sollte er immer etwas abseits angepflanzt werden.

In die Blütezeit (Juli bis September) fällt auch die Sammelzeit. In diesem Zeitraum können die Triebspitzen, Blätter und Blüten abgeschnitten und gesammelt werden. Die beste Zeit zum Ernten ist der frühe Morgen, wenn noch Reste des Taus die Blätter bedecken. Um die Wirksamkeit des Pflanzenmaterials zu erhalten, trocknet man dann die Ernte im Schatten. Gute Belüftung ist hierbei außerordentlich wichtig. Man kann auch ganze Wermut-Zweige abschneiden und diese zu einem Bündel zusammenbinden, das man dann (die Spitze nach unten zeigend) an einen schattigen Ort hängt. Nach dem Trocknen sollte das Wermutkraut in gut verschlossenen Teedosen gelagert werden.

Die einfachste Art von dieser heilkräftigen Pflanze zu profitieren, ist die Zubereitung eines Tees. Es sei im voraus darauf hingewiesen, dass dieser Tee außerordentlich bitter schmeckt und sensible Geschmäcker schon beim ersten Schluck verschrecken kann. Hat man sich aber einmal überwunden und den Tee mit Mühe und Not heruntergewürgt, dann stellt man schnell fest, dass man sich auch an diesen Geschmack gewöhnen kann.

Für einen Wermuttee übergießen Sie einfach einen gehäuften Teelöffel Wermutkraut mit ¼ Liter kochendem Wasser und lassen das Ganze 5 Minuten ziehen. Danach Können Sie nach belieben süßen. Interessant ist auch die Beimengung einer Prise Anis, die den Tee nicht nur geschmacklich sondern auch in Bezug auf die Wirkung aufwertet. Trinken Sie maximal zwei Tassen Wermuttee pro Tag- mehr könnte Kopfschmerzen und Übelkeit auslösen. Bedenken Sie auch, dass ein jedes Heilkraut, bei täglicher Anwendung über einen langen Zeitraum hinweg, seine Wirkung einbüßen kann. Deshalb ist Wermut als Medizin nur dann zu gebrauchen, wenn auch wirklich Beschwerden den Einsatz nahelegen, sonst hat man schnell die Wirksamkeit einer Pflanze „verpulvert“, die man zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht einmal dringend braucht.

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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