Absinth: der Mythos einer Spirituose / der Kuss der Muse: Alkohol!

Von Konrad Lauten

Im folgenden Arikel soll weniger die Wirkung des Thujons beschrieben, sondern eher eine kritische Analyse der sozialen Begleitumstände des Absinthverbotes und der wohl etwas zu heftig umjubelten Re-legalisierung gegeben werden. .

Seit der Aufhebung des Verbots des Wermutwirkstoffes Thujon 1991 als Zusatz zu Spirituosen, wird Absinth als wiedererlangtes Kultrauschmittel gefeiert. Gerne wird angenommen, dass den Konsumenten heute die wahre Wirkung vorenthalten wird, sie um die eigentliche Drogenwirkung gebracht werden, weil die Menge des, den Absinth von einer gewöhnlichen Spirituose unterscheidenden, Wirkstoffes Thujon durch gesetzliche Regelung gering gehalten wird.

Es wird anscheinend davon ausgegangen, dass um 1900 herum ganz Frankreich vom Absinth psychedelisiert gelebt hat. Schöne Zeiten waren das früher! Alle hatten sich lieb, die Künstler saßen in den Cafes, und wenn sie noch keine waren, tranken sie Absinth und waren es dann. Die Auswirkungen des Gebrauchs und Missbrauchs durch die größte Schicht der Konsumenten, der Industriearbeiter und Angestellten, waren sicher nicht im erstrebenswerten (weil psychedelischen) Spektrum: Nachdem sich der Familienvorstand ab der grünen Stunde ordentlich billigen Absinth-Fusel eingeschenkt hat, kommt er nach Hause, verprügelt Frau und Kinder und schläft ein. Keine Bilder, Texte oder musikalische Inspiration hat ihm die grüne Fee eingehaucht, das Gebrauchsmuster ist das typisch alkoholische von Wein, Schnaps und Bier. Nur war Absinth billiger als Wein und wirkt schneller als Bier. Selbstverständlich wirkt auch der Wirkstoff Thujon in einem stärkeren Maße als das purer Alkohol täte, die hauptsächliche Wirkung kommt aber sicher durch den Alkohol. Wenn dieser dazu noch schlecht gebrannt war, konnte das die Wirkung nur verstärken.

Da das Extrahieren des Wirkstoffes Thujon aus der Wermutpflanze ein aufwendiges Verfahren ist, kann man davon ausgehen, dass auch damals billige Absinthe mit einer Wirkstoffmengeverkauft wurden, die derjenigen von im Supermarkt angebotenen Billig-Absinthe entsprechen: nur geringe Mengen Thujonöl und viel Alkohol. Die Qualitätsabsinthe konnte sich in 1900 weder Arbeiter noch Künstler leisten.

Die Bilder, die von in dieser Zeit durch vom Absinth Be- Geisterte Künstler auf der Leinwand zum Ausdruck gebracht wurden, haben vor allem das Elend und die Entfremdung des Trinkers und Trinkens dargestellt. Durch diese ästhetischen Arbeiten werden heute diese Bilder als Lob an den Absinth wahrgenommen. Sicher, eine Veränderung des Wachbewusstseins durch Alkohol oder andere Substanzen ermöglicht eine andere Sicht auf die Dinge, Räume werden anders wahrgenommen und Menschen neu entdeckt. Für die Nachwelt ist der Künstler immer der Verrückte, der das tut, was dem Durchschnittsbürger verschlossen bleibt. Selbst das Abschneiden eines Ohres im Absinthrausch durch einen Mitsäufer wird romantisch verklärt.

Wenn die Ausweitung des Absinthgenusses nicht in die Zeit der Bewusstwerdung von Gesundheitsgefahren für den demokratischen Bürger Frankreichs gefallen wäre, hätte es vielleicht kein Verbot gegeben. Unter den gegebene Umständen und auch durch die Propagierung des „Absinthismus“ als Krankheit aber konnte eine „Anti-Absinth Allianz“ aus verschiedenen christlichen Heilsbewahrern und Alkohol-Miss-brauchs-Gruppen das Thema in der Presse und im Parlament über 20 Jahre immer wieder aufs Tableau bringen und zusammen mit den Provinzvorstehern aus den weinanbauenden Arondissments schließlich das gesetzliche Verbot des Getränks durchsetzen. Wein wurde als gesunde Alternative zu Absinth empfohlen. Die Vernunft hatte Frankreich wieder im Griff, obwohl natürlich Wein immer in aller Munde war und der Haupthersteller von Absinth, Henri Pernod mit seinem „Pastis“ einen gerne getrunkenen Nachfolger für Absinth entwickelte.

Mit diesem Text soll keinesfalls gegen eine Spirituose wie Absinth argumentiert werden. Eine differenziertere Wahrnehmung von Absinth

– jenseits von Verteufelung und Verherrlichung

-wäre aber sicher an der Zeit.

Die Wahl der Drogen und Wege kann jeder und jedem freigestellt sein. Die Benutzung von Alkohol als Lösungsmittel für Pflanzenwirkstoffe ist auf jeden Fall sinnvoll, allerdings gibt es einige Alternativen zum, in hohen Dosen giftigen, Wermut. Das Wirkspektrum aphrodisierender, relaxender, halluzinogener oder berauschender Pflanzen, die sich auch speziell zum Extrahieren oder Destillieren eignen, ist groß und lädt zum Experimentieren ein. Die Wirkung des Alkohols kann dabei eine untergeordnete Rolle spielen, als Lösungsmittel ist er aber neben Wasser unverzichtbar.

Geschmacklich gibt es vom Absinth einige sehr interessante Destillate…

Literaturempfehlungen:

Die Muse aus der Flasche in: Göttliche Gifte, A.

Kupfer, Verlag JB Metzler 1996, leider vergriffen Das bisher beste Buch zu Absinth, leider nur in englisch: Absinthe:History in a bottle, Barnaby Conrad, Chronicle Press, 1985

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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