2C-T-7; Rausch oder Risiko?

J.H. fragt K.Trout; Übersetzung Christine Bandow, Hartwin Rohde

Frage:

Auf dem Titelblatt einer älteren Ausgabe des Rolling Stone war eine Schlagzeile unübersehbar: „Die Neue (Legale) Killerdroge“. Dies bezog sich auf den Stoff 2,5 dimethoxy-4-(n)propylthio-phenethylamin, besser bekannt als 2C-T-7. Mark Boal, der Verfasser des Artikels, berichtet vom Tod dreier junger Menschen. Als deren Todesursache wird jeweils eine Überdosis „T-7“ angegeben, zusammen mit der Feststellung, dass „… T-7 auf noch nicht bekannte Art und Weise hochgradig gefährlich“ ist. So schlimm diese Todesfälle auch sein mögen, stellt sich mir doch die Frage, ob sie wirklich durch eine Überdosis verursacht wurden. Offensichtlich wurden zu große Mengen konsumiert: die zwei bekannten Mengen betrugen ca. 35 mg und wurden geschnupft, während die nicht genau bekannte Dosis -die geschluckt wurde- „wahrscheinlich sehr hoch“ war (In früheren Ausgaben des ER wurde schon über die empfohlene – geschnupfte- Dosis von höchstens 4-6 mg berichtet – auch über die beunruhigenden Auswirkungen einer zu hohen Dosis von 15 mg, die ebenfalls geschnupft wurde). Eine sechs- bis neunmal größere als die empfohlene Menge einer Droge führt zweifellos zu Problemen; soweit ich es jedoch verstanden habe, sind Phenethylamine in Bezug auf eine mögliche Überdosis relativ ungiftig. Nehmen wir dieses Beispiel: Meskalin wird (basierend auf den LD50- Ergebnissen aus Tierversuchen) als zweimal so giftig wie Aspirin angegeben. Außerdem soll der einzige Todesfall, der möglicherweise von einer Überdosis Meskalin verursacht wurde (nach unbestätigten Angaben angeblich während eines militärischen Experiments) durch eine intravenöse Injektion von 15 Gramm dieses Stoffes hervorgerufen worden sein. Das käme, eine zu schluckende (normale) Menge zwischen 250 und 500 mg zugrunde gelegt, einer 30 bis 60-fachen Überdosis gleich (wobei diese unterschiedlichen Aufnahmearten eigentlich nicht verglichen werden dürften, da eine intravenöse Dosis sehr viel stärker wirkt als die gleiche geschluckte Menge). Auch wenn nicht annähernd so viele Menschen 2C-T-7 konsumieren, wie Aspirin nehmen, ist es trotzdem beachtenswert -zumindest im Hinblick auf „legale Killerdrogen“ und was allgemeine Gesundheitsrisiken angeht-, daß jährlich ca. 2000 Leute mit den Auswirkungen einer Überdosis Aspirin zu kämpfen haben. Außerdem ist die Annahme berechtigt, daß die Gefahr einer zu hohen Dosis bei einem relativ starken Mittel wie 2C-T-7 (geringe Menge genügt schon), ungleich größer ist als bei einem relativ schwachen Mittel wie Meskalin (große Menge wäre notwendig).

Und dennoch, liest man den gesamten Artikel im Rolling Stone, erfährt man, daß die zwei, die an einer Überdosis 2C-T-7 gestorben sind, zeitgleich auch andere Drogen konsumiert hatten. Laut dem Artikel wurde Josh Robbins‘ Tod durch eine Kombination von Drogen verursacht, die „sein Herz unter so starken Druck setzte, dass es dem nicht standhalten konnte“. Im Laufe des Abends hatte er eine unbekannte Menge einer Substanz zu sich genommen, die vielleicht MDMA war (eine Ecstasy-Pille) , Lachgas inhaliert, 25mg Ephedrin und 5mg Guaifenisen konsumiert und schließlich noch 35mg 2C-T-7 geschnieft. Die Person, die nach dem Schlucken einer unbekannten und wahrscheinlich sehr hohen Dosis 2C-T-7 starb, nahm vorher auch noch 200mg „Ecstasy“ (da die Qualität im „Markt“ relativ unsicher ist, kann man auch hier nicht mit Gewissheit sagen, dass es reines MDMA war). Es gibt keinen Bericht darüber, ob die dritte Person noch andere Substanzen als die geschnieften 35mg 2C-T-7 konsumiert hatte, Z.B. hätten gleichzeitig konsumierte Nahrungsergänzungsmittel oder pflanzliche Präparate negativ mit dem 2C-T-7 reagieren können. Haben Sie eine Idee, was hier wirklich passiert ist? Sollten wir uns vor 2C-T-7 stärker in Acht nehmen als vor (z.B.) 2C-B?

J.H., Kalifornien

 

Antworten:

Alle Beschreibungen zu den Todesfällen lassen den Schluss eines Serotonin-Symtoms zu. MDMA wird nachgesagt, es würde in einigen wenigen Fällen als Folge von problematischen Körperreaktionen ein Serotonin Syndrom erzeugen. Mögliche Symptome sind z.B. Unruhe, Coma, leichte Angstzustände, Muskelzuckungen, Verwirrtheitszustände, Gleichgewichtsstörungen, Schweissausbrüche, Durchfall, verstärkte Sehnen-Reflexe und Muskelflattern, schwankender Puls und Blutdruck, Zittern und erhöhter Muskeltonus und -härte, was zu erhöhter Körpertemperatur und infolge dessen zum Tod führen kann [www.uspharmacist.com; Sternbach1991 und Ames & Wirching 1993, in Holland 2001].

Ruhigstellung und aktive Kühlung sind als Therapie eines Serotonin- Syndroms in Verbindung mit Hypertermie, hervorgerufen durch Überanstrengung sinnvoll [Holland 2001].

Als die SSRI Antidepressantien noch neu waren, war das Serotonin-Syndrom noch kein wesentliches Thema. Betroffene hatten Dinge wie MAO-Hemmer und Demerol kombiniert. Heutzutage, wo die Verwendung von 5-HTP (5-hydroxytryptophan) vermehrt zur Verhinderung der möglichen Depression nach MDMA und anderen Drogen zunimmt, was auch eine Zunahme der Fälle von Serotonin- Syndromen nachsich zieht. Ich hab von Fällen gehört, wo Leute 5-HTP vorbeugend nutzen.

Das Problem sind die kombinierten oder aufeinanderfolgenden Gaben von Serotoninvorstufen (5HTP) oder Serotoninausschüttern (wie Cocain und MDMA) mit einer Substanz, die als Serotoninagonist auf die 5HT2a-Rezeptoren wirkt. (Normalerweise reden wir sonst über Substanzen, die Agonist- / Antagonistwirkung auf die 5HT2a-Rezeptoren mischen.)

Unglücklicherweise verhindert die Unkenntnis über die tatsächlichen Ursachen solcher Todesfälle nach 2C-T-7 Einnahme eine effektive ärztliche Nothilfe bei zukünftigen Fällen dieser Art. In einem Fall z.B. trat eine Vergiftungsreaktion nach dem aufeinanderfolgenden Konsum von 2C-T-7, excessivem Cocain-Konsum und wiederholtem MDMA-Konsum [‚Missbrauch‘ ist wohl das passende Wort; anm. d. Übers.] auf. Während der (letztlich erfolgreichen) kurz danach durchgeführten Behandlung in einer Notaufnahme, versuchten die Ärzte als erstes einen Antagonisten zu Beruhigungsund Schlafmitteln zu geben, dann wurden noch einige andere erfolglose Rettungsversuche unternommen und letztlich mit lebensrettendem Erfolg Valium verabreicht (Xanax hätte ebenso zum Erfolg geführt).

Diese Todesfälle jedoch als 2C-T-7 „Überdosis“ zu bezeichnen ist nicht korrekt, da diese Reaktionen das Ergebnis der Interaktion verschiedener Substanzen darstellen. Selbstverständlich sind die durchgeführten Dosierungen indiskutabel hoch, doch der Begriff der „Überdosis“ ist grundsätzlich nur für lebensbedrohliche Mengen einer definierten Substanz nutzbar. Die Bezeichnung der in „Rolling Stone“ geschilderten Fälle als 2C-T-7 Überdosis impliziert, dass diese Substanz das wesentliche Problem war und hinterlässt den Eindruck eines gut recherchierten und verstandenen Falls. (Ich würde wetten, es gibt viele Leute, die glauben, Janis Joblin wäre an einer Überdosis Heroin verstorben, nur weil diese Behauptung gedruckt wurde. Die Obduktion jedoch ergab, dass die letzte Einnahme von Heroin mehrere Tage zurück lag. Die Todesursache war eine starke Hirnblutung, die sie sich zuzog, als sie mit dem Kopf heftigst gegen einen Bettpfosten schlug. Sie war schwer betrunken gestürzt.) Was ich sagen will ist, dass diese Todesfälle genauestens untersucht werden sollten, statt pauschale Verallgemeinerungen und wenig hilfreiche Behauptungen über 2C-T-7 Überdosierungen zu tätigen. Leider ist diese Annahme einer Überdoses so stark verbreitet, dass es nur schwer möglich ist, etwas sinnvolles dagegen zu tun. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Sensationspresse mittlerweile entsprechende Artikel, wie z.B. „Highway to Die“ [Edelstein 2002], zu produzieren beginnt.

Genauere Untersuchung der Fälle ist von Nöten, da sich diejenigen Leute in ihrer Meinung zunehmend bestätigt fühlen, die 2C-T-7 für eine extrem gefährliche Substanz halten. Das wiederum kann solche Leute an der sachlichen Aufklärung dieser tragischen Fälle hindern, die in der Lage sind, sie zu untersuchen, denn niemand wird Geld dafür ausgeben etwas zu untertsuchen, was in der Öffentlichkeit als abgeschlossener Fall betrachtet wird, selbst wenn sich diese Annahme später als falsch herausstellt. Die Verlierer werden jene sein, die zukünftig eine falsche Behandlung in der Notaufnahme erhalten, da die meißten Patienten ein Serotoninsyndrom heil überstehen können, wenn es rechtzeitig erkannt und richtig behandelt wird. Sollte ich in meiner Einschätzung richtig liegen, dann ist es für medizinisches Person sehr wichtig, diese Fälle zu verstehen, da sie sich mit anderen Drogen wiederholen werden. (Es schaudert mich daran zu denken, was passieren wird, wenn Benzofuran-Derivate die Straße erreichen, und dort an Leute geraten, die in so unreflektierter Weise verschiedene Drogen mischen.)

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

Bezugsquellen:
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