Datura und Brugmansia als Aphrodisiakum


Markus Berger

Datura, besonders Datura stramonium, ist weltweit als Aphrodisiakum in Gebrauch. Datura metel ist in Indien die ‚Pflanze der Liebesgötter‘ und oftmals Bestandteil der Vajikarana genannten Aphrodisiaka oder der gleichnamigen ayurvedischen aphrodisischen Therapie.

Einführend ein kleines, den Geist der Gesellschaft wiederspiegelndes Zitat aus „dem Reiche der Drogen“:

„Als Giftstoffe von besonders unangenehmem Charakter, die zu Liebesgetränken Verwendung gefunden haben, gehören in die erste Reihe die tropeinhaltigen Nachtschattengewächse und voran unter diesen der Stechapfel, Datura Stramonium, dessen Samen in weinigem Auszug oder als Pulver eingegeben wurde, und das schwarze Bilsenkraut, Hyoscyamus niger. Der Stechapfel galt stets als ein Mittel der Hurenwirte, schlimmer Mädchenverführer, entarteter Buhlerinnen und frecher Wollüstlinge, um ihre Opfer außer in einem Zustand von mehr oder minder starker Besinnungslosigkeit noch in den der geschlechtlichen Raserei zu versetzen.“1

Es werden allerlei erotisierende, sexuell anregende Mittel aus Blüten, Blättern und Samen des Stechapfels hergestellt: Liebestränke, Räucherungen und Rauchmischungen, Salben und Zaubermittel. Die einzelnen Produkte, Mischungen und sonstiges werden in den vorhergehenden oder folgenden Kapiteln dargestellt.

Datura stramonium var tatula
(Foto: Markus Berger)

Im ‚Lexikon der Liebesmittel‘ findet sich ein repräsentatives Zitat von 1734 bezüglich des Gebrauchs von Stechapfel als Mittel gegen durch Hexerei verursachte Impotenz:

„Nimm das Kraut von Stechäpffeln, thue es in einen neuen Topff und geuß von des Patienten Urin dran, koche alles in einem wohlvermachten Hafen bey langsamen Feuer, darnach vergrabs in die Erde an einen unwegsamen Ort. Gemeiniglich geschiehet es, daß die böse Leute nach geschehener Kochung mit grössestem Schmertzen Blut von sich geben müssen, wenigstens empfinden sie sehr hefftige Schmertzen, solange biß sie den Bezauberten wiederum gesund gemacht haben.“2

In Mexiko ist Toloache (Datura innoxia) seit alters her eines der wichtigsten und heiligsten Liebesmittel. Um sich gegenseitig die Liebe zu beteuern und um einen Liebeszauber zu bewirken, bringen sich yucatekische Maya bis auf den heutigen Tag Toloache-Blüten dar. Die getrockneten Blätter der Datura innoxia, mit ihrer erotisierenden Wirkung, werden vom Liebespaar kurz vor dem Akt geraucht.

In Zentralmexiko ist der Toloache-Ritus und mit diesem verbundene Liebeszauber vereinzelt bis in die Kirche vorgedrungen. Datura innoxia wird ganz nach katholischer Manier, als Santo Toloache (Heilige Toloache) bezeichnet.

Im Südwesten der USA nutzen die Costanoan ein Gemisch aus Toloache-Samen und Tabak, das während eines Liebesrituals geraucht wird.

Die Engelstrompete ist eine wichtige aphrodisische Duftpflanze. Allerdings ist von besonderer Bedeutung, zu beachten, dass alle Brugmansia-Arten stark Alkaloid-haltig und deshalb in der Verwendung mit äußerster Vorsicht zu genießen sind. Schläft man unter einer Brugmansia, wird man die schönsten erotischen Träume genießen, heißt es. Das ist ein deutliches Zeichen für die beeindruckend mächtige entheogene Wirkung der Pflanzen.

Die Differenzierung zwischen der Verwendung von Datura und Brugmansia als Entheogen bzw. Aphrodisiakum ist eher von schwieriger Gestalt. Ich führe hier also ausschließlich absolut typische Beispiele an, weitere traditionelle Anwendungen der Pflanzen als Liebesmittel, sind über die verschiedenen Abschnitte und Kapitel verteilt (z.B. im Kapitel 4 „Verwendung“).

Im ‚Lexikon der Liebesmittel‘ geben Claudia Müller-Ebeling und Christian Rätsch zwei Rezepte für aphrodisische Brugmansia-Trünke. Um einen aphrodisierenden Aufguss zu bereiten, übergiesst man eine Brugmansia-Blüte mit heißem Wasser und lässt dies für etwa zehn Minuten ziehen. Eine andere Möglichkeit ist, bis zu vier Brugmansia-Blätter in Alkohol, z.B. Schnaps anzusetzen.

Natürlich kann man bei solchen, auch niedrig dosierten Mengen, nicht wissen, wieviel Alkaloid man tatsächlich einnimmt. Eine wesentlich sicherer kontrollierbare Aufnahme der Pflanzenwirkstoffe, ist das Rauchen der getrockneten Blätter und Blüten, manchmal sogar der Samen. Beim Rauchen von Engelstrompete stellt sich in der Regel relativ schnell ein erotisierendes Prickeln im ganzen Körper ein. Dies verstärkt sich in hohem Maße in Kombination mit Cannabis.

Im südindischen Karnataka bereitet man aus Samen der Datura metel, Blättern der Solanum nigrum L. (Schwarzer Nachtschatten) und der Wurzel des Korallenbaumes (Erythrina spp.) ein erotisierendes Tonikum.3

Das Anangaranga, neben dem Kama Sutra wohl das populärste Liebesbuch Indiens, kennt ein tantrisches Rezept zur Herstellung eines stark wirksamen, vermutlich auch psychoaktiven Aphrodisiakums:

Körner vom Schwarzen Pfeffer (Piper nigrum), Stechapfelsamen (Datura metel), eine Pinpallischote (Piper longum) oder Betelpuder (Areca catechu), Lodhraschale oder Nonifrucht (Morinda citrifolia) mit hellem Honig zerreiben und auf den Penis auftragen.4

Auf der indonesischen Insel Java genießt man eine Rauchmischung aus Zigarettentabak und getrockneten, zerbröselten Samen der Datura metel.

Auf den Philippinen raucht man aphrodisierende Joints oder Pfeifen mit Blättern der Datura metel.

Datura stramonium Apfel (Foto: Markus Berger)

Zum Abschluss dieses Teils möchte ich noch drei aussagekräftige Absätze eines mittlerweile raren Artikels von Christian Rätsch zum Besten geben.

„Die Maya-Frau, in deren Garten die (…) Datura- Pflanze wuchs, gab uns bisher unbekannte Informationen zum Gebrauch der Doppeltrompetenblüten. In Santa Elena ist es Brauch, einem jungen Paar einige dieser Blüten zu übergeben. Der jungen Frau und dem jungen Mann wird je eine Doppeltrompetenblüte überreicht. Den Blüten wird die zauberische Kraft zugeschrieben, die beiden in Liebe miteinander zu vereinigen (u lól ku yahkúntikech „die Blüte macht dich liebend“) und für eine lange und glückliche Ehe zu sorgen. Menschen, die von der Kraft der Datura nichts wissen, können auf diese Weise ohne ihr Wollen zusammengebracht werden. Weiterhin sagte die Frau über den Gebrauch der Samen: „wá ka lúk’ik u nék‘ ka bin a wílik bá’l“ (Wenn du die Samen schluckst, wirst du Dinge sehen). Die getrockneten Blätter sollten geraucht aphrodisierend wirken: „ku yántikech yétel a watán“ (sie helfen dir mit deiner Frau). Einige getrocknete Blätter wurden dann von C. RÄTSCH und einer nicht-indianischen Partnerin in einem Experiment – ohne die sonst übliche Überwachung durch eine kundige Indianerin – getestet:

‚Nachdem wir beide vier (je zwei) Blätter der Datura aus Yucatán mit tiefen Lungenzügen, die sehr angenehm waren, geraucht hatten, zeigten sich schon nach wenigen Minuten erste Wirkungen. Der schummrige mit Kerzen erleuchtete Raum hüllte sich in einen dünnen Nebel, der die Raumdimensionen verschluckte und nicht höher als bis zu unserer Größe schwebte. Danach leuchtete der Nebel kurz auf und ließ die Konturen des Raumes verschwinden; plötzlich war der Nebel verschwunden und der Raum sah genauso aus wie zuvor. In uns breitete sich eine angenehme Ruhe und Zufriedenheit aus und wir hörten Musik, die teils deutlicher, teils aber auch undeutlicher als gewöhnlich wahrnehmbar war Dann begannen die körperlichen Phänomene: Die Haut bekam eine ungeahnte Sensibilität. Ein einfaches leichtes Streicheln wurde zu einem erfüllten zärtlichen Erlebnis. In unseren Unterleibern sammelte sich plötzlich so schnell das Blut, daß es uns nach Vereinigung drängte. Die normalen sexuellen Funktionen waren extrem gesteigert. Jede Form des erotischen Austausches und der sexuellen Aktivitäten war von besonderer Köstlichkeit. Die Dauer bis zum Orgasmus war viel länger als gewöhnlich und der Orgasmus selbst schien sich über Minuten hinauszudehnen. Während der Phase der sexuellen Aktivität waren wir beide angenehm gedankenfrei, enthemmt und sehr auf den Augenblick konzentriert. Diese Wirkung hielt die ganze Nacht an, so daß es zu vielen Vereinigungen kam. Am nächsten Morgen, nach einem kurzen Schlaf mit erotischen Träumen (!), erwachten wir mit klarem Bewusstsein, einem sehr wohlig-warmen Gefühl im ganzen Körper, immer noch übersensibler Haut und einem trockenen Hals. Mir und meiner Partnerin war dieses Experiment zu einem schönen Erlebnis geworden.'“5

1 Gilg et al. 1926: 144-145
2 Müller-Ebeling et Rätsch 2003: 652 [zitiert aus: Paullini 1734]
3 Müller-Ebeling et Rätsch 2003: 415
4 Müller-Ebeling et Rätsch 2003: 440 [zitiert aus: Anangaranga 1985]
5 Rätsch et Probst 1985: 1139
Bibliografie:

Berger, Markus (2003), Stechapfel und Engelstrompete – Ein halluzinogenes Schwesternpaar, Solothurn:

Nachtschatten Verlag

Gilg, E; Schürhoff, P.N. (1926), Aus dem Reiche der Drogen, Dresden: Schwarzeck-Verlag

Müller-Ebeling, Claudia und Rätsch, Christian (2003), Lexikon der Liebesmittel, AT-Verlag

Rätsch, Christian und Probst, H.J. (1985), Xtohk’uh: Zur Ethnobotanik der Datura-Arten bei den Maya

in Yucatan, Ethnologia Americana 21(2), Nr. 109: 1137-1140

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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