Coca und Kokain

Ethnobotanik, Kunst und Chemie

gelesen von Markus Berger

Coca und Kokain Christian Rätsch und Jonathan Ott, AT Verlag Aarau, ISBN 3855027072, 288 Seiten, 19,5 x 26,5 cm,gebundene Ausgabe

Im Grunde fällt mir eine Rezension dieses Werks eher schwer. Das liegt daran, dass ich eigentlich das gesamte Buch zitieren müsste, so unfassbar gut ist es. Seitdem ich „Coca und Kokain“ habe, ist es mein absolutes Lieblingsbuch, allein schon deshalb, weil der Schreibstil so köstlich zu lesen ist. Die beiden altbekannten Psychedelik-Autoren Christian Rätsch und Jonathan Ott haben, wie gewohnt, ein Meisterwerk hingelegt. Auf 288 Seiten wird alles über Botanik, Pharmakologie und Kulturgeschichte des Cocastrauchs Erythroxylum coca bzw. dessen Hauptwirkstoff Kokain dargelegt. Informationen die man sonst in der ohnehin kargen Landschaft Coca-bezogener Fachliteratur schmerzlich vermisste. Das von Christian Rätsch sprachlich bearbeitete Werk (Jonathan Ott spricht zwar Deutsch, könnte aber dennoch kein Buch in dieser schwierigen Sprache verfassen …) kann neben seiner Funktion als wissenschaftliches Rechercheobjekt für weitere Studien, ohne weiteres auch als Lese-und Bilderbuch für die Freizeit betrachtet werden. Die vielen enthaltenen Stories, sei es die Geschichte der Coca Cola® oder das kurze Interludium über die McKoks-Löffel, bereiten zur Sommerzeit im angenehm kühlen Garten besonders große Freude:

„Als die Coca-Cola®-Company mit McDonalds fusionierte (…), kamen dabei die perfekten Kokslöffel heraus. Lange Dinger mit der perfekten Dosisabfüllung per Löffel. Als bekannt wurde, dass diese Löffel nicht nur zum Verrühren von Kaffee-Milch-Zucker-Mischungen genutzt wurden, geriet McDonalds in Panik …

Die McDonalds-Company hat kurz darauf einen Schock erlitten oder erleiden müssen. Ihre Kaffeelöffel wurden von den Koksern heiß geliebt, weil eine Löffelfüllung oder -anfüllung genau für eine Nase bzw. für ein Nasenloch gut waren. Daraufhin hat die Geschäftsleitung den Löffel abgelegt, abgegeben, aus dem Verkehr gezogen. – Wunderbar. Die kostenlosen Kaffeelöffel für das teure Koks. Das Schauspiel muss weitergehen.“ (Seite 123)

Das Buch gibt wirklich alles her: Von der Chemie und Anwendung der Coca-Blätter und des Kokains, über Coca-Rituale und die traditionellen Zubereitungen, bis hin zu Coca-inspirierter Kunst, der medizinischen Verwendung und politischen Lage, findet der Leser alles verfügbare Wissen übersichtlich, unterhaltsam und lehrreich zusammengefasst. Im Anhang erhält der Praktiker intelligent und witzig geschriebene Tipps (z.B. „Einige praktische Tipps für Südamerikareisende“, Seite 240; „Spürhunde von Zoll und Polizei“; Seite 245) und wertvolle, sonst unzugängliche Informationen für den Alltag (Coke-Cocktails: Verzeichnis der Streckmittel; Seiten 242-244).

Highlights ganz außergewöhnlicher Art sehe ich in den Absätzen z.B. „Pharmazeutische Produkte mit Kokainderivaten“ auf Seite 193, der mich zu meinem Artikel „Kokainderivate in der modernen Pharmakopöe“ (Entheogene Blätter ) inspiriert hat, und in der Übersicht über die „Heilmittel für Kokainismus“ auf Seite 209. Die „Küchenchemie in Chulumani“ auf Seite 82ff. und die „Crack-Linguistik“ auf Seite 216f., stellen Quellen dar, die an Gehalt und Esprit kaum zu überbieten sind.

Fazit: „Coca und Kokain“ darf in keiner Drogen-Bibliothek fehlen, die knappen 30 Euro sind gut angelegtes Geld.

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