Eine kurze Episode der amerikanischen Drogenpolitik

von sodmin |

Green Hats in the White House?

von St1

Im „Land of the Free“ (place your Banner here) sitzt zur Zeit knapp ein Prozent der arbeitenden amerikanischen Bevölkerung im Gefängnis, ca. ein Viertel davon im Zusammenhang mit Drogendelikten. Dass der Krieg „um“ Drogen absurde Ausmaße angenommen hat, ist unumstritten, und kein anderer Staat der Welt ist bereit, dem amerikanischen Weg konsequent zu folgen. Aber woher kommt diese Bewegung? Wie hat sich Amerika in diese ausweglose Situation gebracht?

Gängige Lesart der einschlägigen Hanfpublikationen ist die folgende: Hanf ist als nachwachsender Rohstoff der aufkommenden chemischen Industrie der 30er Jahre im Weg. Ungeachtet der bereits bekannten Studien über die relative Gefahrlosigkeit des Cannabiskonsums und gegen die Bedenken der American Medical Association wird Cannabis durch Hetzkampagnen als „Mörderdroge“ und/oder „kommunistisches Pazifistenkraut“ gebrandmarkt, hoch besteuert, was die medizinische und industrielle Verwendung unrentabel macht und schließlich von der Weltgesundheitsorganisation als gefährliches Rauschgift ohne therapeutischen Wert eingestuft. Nach dem Abtreten Harry Anslingers, der diese Prozesskette quasi im Alleingang durchführte, werden zwar einige der größten Lügen relativiert, aber Gabriel Nahas nimmt seine Stelle in der UNO-Kommission ein und setzt die Lügentiraden bis zur Reagan-Ära fort (wer kennt noch die Impotenztheorie und die Mär über Chromosomenbrüche durch Cannabis?). In den achtziger Jahren setzt der frisch gewählte Präsident Reagan den bisherigen CIA-Direktor George Bush s. als Direktor der DEA ein. Den Rest der Historie dürften die meisten Leser bei lebendigem Leibe miterlebt haben.

Diese True Horror Story, ein endloses geflochtenes Band aus Lügen, rassistischen Verleumdungen und großindustriellen Verschwörungen ist konsistent, homogen und schlüssig. Sie passt auch prächtig in die linksliberale Tradition des Antiamerikanismus. Allerdings hat die Geschichte einen Haken: Es fehlt eine Dekade amerikanischer Legalisierungsbestrebungen.

Ganz ähnlich wie Deutschland erlebten auch die USA in den 60er-70er Jahren eine Phase der (Old-School)-Liberalisierung, eine Abkehr von der urkonservativen Staatsführung. John F. Kennedy berief nicht nur Anslinger von seinem Posten ab, er konsumierte selber Cannabis als Schmerzmittel und hob die gesetzliche Gleichstellung von Cannabis mit suchterzeugenden Substanzen wie Heroin auf. Angeblich plante Kennedy eine Legalisierung für seine zweite Legislaturperiode, die aus bekannten Gründen ausfiel. Durch die Hippie-Bewegung und den Jugendkult wurde Cannabis von seinem konstruierten Stigma befreit und in breiteren Schichten der Bevölkerung als harmloses Genussmittel bekannt.

Wissenschaftliche Forschungen zu Cannabis

– unter Anslingers Doktrin von seiner persönlichen Zustimmung abhängig – wurden wieder aufgenommen, die Strukturformel von Tetrahydrocannabinol aufgeklärt. 1969 stellte die WHO fest, dass Cannabis keine physische Abhängigkeit erzeugt, eine Tatsache, die dem jüngeren Teil der Bevölkerung (zum Teil aus eigener Erfahrung) bereits geläufig war.

In den 70er Jahren wagte es ein amerikanischer Präsident, Jimmy Carter, die Entkriminalisierung weicher Drogen anzusprechen. Er ernannte Peter Bourne zu seinem Drogenbeauf-tragten. Zusammen mit Dr. Jerome Jaffe, dem Leiter des Büros für die Verhinderung von Drogenmissbrauch (nicht „Drogenbekämpfungsbüro“, man beachte die feinen Unterschiede!) wurden die Grundsteine für einen modernen Um-gang mit der Suchtproblematik gelegt. Nach dem Vietnamkrieg war Heroin für die amerikanische Bevölkerung zu einem ernsten Gesundheitsproblem geworden; die staatlichen Antworten waren ebenso kompromisslos wie wirksam: „Jeder, der wegen seiner Drogensucht therapeutische Behandlung wünscht, bekommt sie.“ und „Wenn der Heroinkonsum die Menschen illegalisiert, bekommen sie von uns Methadon.“ Bournes Einstellung zu weichen Drogen:

„Niemand stirbt daran, dass er Marihuana raucht, [..] um ehrlich zu sein: es ist eine Quelle des Vergnügens für Millionen von Menschen in Amerika.“

Zu Kokain, das zu dieser Zeit allgemein als spleenige, aber harmlose Extravaganza des Jet-Set angesehen wurde, sagt er (noch) heute:

„Kokain ist eine hochinteressante, euphorisierende Freizeitdroge!“

Diese Einstellung sollte ihn den Kopf kosten, wie wir später sehen werden. Mit den erfrischenden Einsichten seiner „Task Force“ gewappnet, bewertete der amerikanische Gesetzgeber die Drogenthematik neu:

Abhängigkeit erzeugende Drogen führen zu selbstschädigendem Verhalten. Das ist schlecht für die Gesundheit des Einzelnen, wie des „Volkskörpers“. Also, im Chor: „Suchtdrogen schlecht! Genussmittel …!?“

„Wir hatten keinen Einfluss auf das Strafmaß, das die einzelnen Bundesstaaten verhängen würden, aber die Entscheidung, die wir im Weißen Haus mit CARTER trafen, war: Der Besitz von weniger als einer Unze Marihuana bedeutet, dass Du ein Konsument, kein Dealer bist, und das wird als Vergehen, nicht als Straftat bewertet. Es würde immer noch illegal sein, aber eher so was wie ein Strafzettel wegen Falschparkens.“, so DR. PETER BOURNE.

Das Resultat überrascht alte Amerikakritiker und Drogenbefürworter gleichermaßen: In elf der Vereinigten Staaten wird Cannabis entkriminalisiert, Alaska legalisiert den Besitz.

„Ka mer so renne lasse!“, pflegt meine schwäbisch verwurzelte Freundin zu sagen, wenn sie mit einem Entwurf vollauf zufrieden ist.

„Not amused“ von dieser Entwicklung sind mehrere Seiten:

  • Malcolm X und seine „Nation of Islam“ brandmarken die „Segnungen“ des Methadonvergabeprogramms als eine billige Ruhigstellungsdroge, die von den staatlichen Stellen allzu freigiebig an seine Brüder ausgegeben wird, um sie politisch ruhigzustellen, anstatt die Sucht zu bekämpfen.


  • Keith Schuchard und ihre Nachbarin Sue Rusche entdecken, dass auf einer Geburtstagsfeier der 13jährigen Tochter im Garten Marihuana geraucht wird. „Wir hatten keinerlei Scheidungen in unserer Gegend, intakte Elternhäuser, hauptsächlich Akademiker, nur wenige der Mütter mussten arbeiten gehen. Unsere Kinder hatten es nicht nötig, Drogen zu rauchen!“ Die größte bürgerliche Antidrogenbewegung der Neuzeit findet ihren Anfang hier, auf der fruchtbaren Scholle des puritanischen Bürgertums, kurz vor der ersehnten Tupper-Party.


  • Und nicht zu vergessen, die Republikaner, die es 40 Jahre lang geschafft hatten, das Volk nach Strich und Faden zu belügen. Sie warten mit neuen, gehärteten Waffen in ihren Löchern, bereit, auf ein Signal der <räusper, fiiiep> Wir befinden uns im 20. Jahrhundert, innerpolitische Querelen werden nicht mehr a la Brutus gelöst…

Im Juli 1978 wird Peter Bourne beschuldigt, ein gefälschtes Rezept für Methaqualon (ein euphorisierendes Beruhigungsmittel) ausgefüllt zu haben. Einige Zeit später erfahren verschiedene Organe der Presse aus ungeklärten Quellen, er sei auf einer Weihnachtsparty der NORML, (der National Organization for the Reform of Marijuana Laws!) dabei gesichtet worden wie er Kokain schnupfte.

„And Boof, the guy is gone from the scene!“ (Dr. Robert DuPont, damaliger Direktor der Narcotics Treatment Administration). 6 Stunden nach der offiziellen Pressemitteilung verlässt der sympathische, schalkgesichtige, etwas zu rotnäsige Mann das Weiße Haus, und mit ihm eine kurze Ära realistischer amerikanischer Drogenpolitik.

Der nächste Präsident heißt Ronald W. Reagan, („er wurde zunächst Filmschauspieler, dann Demokrat und schließlich Republikaner.“, wie es in einem Schüleraufsatz heißt). Seine Frau Nancy prägt den Slogan „Just say No!“, um noch ein letztes Mal Dr. Peter Bourne zu Wort kommen zu lassen:

„und das ist ungefähr so, als würde man jemandem, der an Depressionen leidet einen ‚Schönen Tag noch!‘ wünschen.“

 

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“




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