1. Gattung Psilocybe – Kahlkopf

Diese Pilzarten sind Saprophyten, d.h. die wachsen ohne Baumassoziation auf organischem Material wie Dung, Holz-, Gras- und anderen Pflanzenresten und bauen diese ab. Oft sind die Hüte hygrophan (= Wasser anziehend) und feucht braun bis schwärzlich, während sie nach gelb bis weiß abtrocknen. In vielen Fällen wächst das Mycel sehr aggressiv und lässt sich leicht auf neue, ähnliche Standorte verpflanzen (Schuldes & Lanceata 1999).

1. Gattung Psilocybe – Kahlköpfe

  • Psilocybe semilanceata (Fries) Kummer
  • Psilocybe bohemica Sebek
  • Psilocybe cyanescens Wakefield
  • Psilocybe azurescens Stamets et Gartz

1.1 Psilocybe semilanceata (FR.) KUMM. Spitzkegliger Kahlkopf

Psilocybe semilanceata

Bereits 1799 erzeugte die kleine, aber potente, Pilzart in England ungewollte Intoxikationen durch Verwechslung mit Speisepilzen (Gartz 1999). 1818 beschrieb dann der berühmte schwedische Mykologe E. Fries den Pilz, dann wurde er um 1900 in England erneut durch Verwechslung auffällig (Gartz 1999). Die Beschreibung aus einem Pilzbuch von 1927 (Abb. 1), ist bis heute die beste in der deutschen Literatur (aus Gartz 1999).

Jedoch wurden auch diese versehentlichen Intoxikationen bis zum Alkaloidnachweis 1963 bald wieder vergessen. Seit ca. 1969 breitete sich die Verwendung der Pilzart entsprechend dem Vorkommen auf feuchten, naturbelassenen Weiden, von Meereshöhe bis zu ca. 2000 Meter Höhe in allen europäischen Ländern (Gartz 1999; Stamets 1999) aus. Seit 1979 erschienen dann einige wissenschaftliche Artikel über die Alkaloide in der Pilzart, die heute die am besten untersuchte Spezies in der Welt bezüglich der chemischen Analysen überhaupt ist. Die Pilze enthalten als Charakteristikum höchstens Spuren an Psilocin. Jedoch ist das Baeocystin als biochemische Vorstufe des Psilocybins (Ersatz der Methylgruppe durch ein H (Wasserstoff )) in größeren Mengen von ca. ein Drittel des Psilocybins in den Pilzen enthalten. Obwohl die Psilocybinmengen der einzelnen Fruchtkörper im beachtlichen Bereich zwischen 0,2 bis 2 % schwanken können, erhält man bei der gemeinsamen Analyse einiger Pilze immer recht konstante Mittelwerte (vgl. auch Gartz 1991; 1992/1993; 1999). Tabelle 2 verdeutlicht dies.

Tabelle 2: Psilocybin-Anteil in getrockneten Pilzen der Psilocybe semilanceata (Durchschnittswerte)

 

Amerikanische Autoren sind der Ansicht, obwohl sie in Europa naturgemäß keine langjährige Feldforschung betrieben haben, die aus Nordamerika beschriebene Psilocybe strictipes Singer & Smith auch in Europa sehen zu können (Stamets 1999). Bei näherer Betrachtung meinen sie damit einen Pilz, der alle Merkmale, einschließlich des Standortes von Psilocybe semilanceata hat, mit Ausnahme des aufgeschirmten Hutes und teils ohne Papille. J.G. hat schon nach 1980 solche Pilze als normale Varietät – gelegentlich inmitten hunderter Psilocybe semilanceata aus einem Myzel entspringend mehrfach gefunden! Auch andere Autoren sehen diesen vermeintlichen europäischen Psilocybe strictipes mit Recht ebenfalls als Form der Psilocybe semilanceata (Stamets 1999). Fünf solcher Fruchtkörper enthielten etwa gleiche Alkaloidmengen, wie die typischen Pilze (Gartz 1986, unveröffentlicht).

Tabelle 3: Psilocybin und seine Derivate in getrockneten Pilzen der Psilocybe bohemica (%)

1.2. Psilocybe bohemica SEBEK Böhmischer Kahlkopf

Psilocybe bohemica

Am 6. und 13. Dezember 1942 entdeckte der Mykologe Kubicka erstmalig die Pilze im Wald bei Sazava in der Tschechischen Republik. J. Herink beschrieb 1950 die Pilze ausführlich, Sebek benannte sie dann gültig. Am 15. November 1986 hat J.G. dann mit Herink und weiteren Mykologen die ursprüngliche Fundstelle untersucht und Pilze aller Größenordnungen gefunden (Gartz 1999, Gartz & Müller 1989). Die Art wächst auf allen möglichen Pflanzenresten im Wald und kann auch in Gärten vorkommen. Eindeutige Nachweise für ein natürliches Wachstum außerhalb der Tsche-chischen Republik und der Slovakei gibt es nicht, jedoch erscheint nach den Beschreibungen Psilocybe serbica Moser et Horak (Stamets 1999) als identisch und wird daher hier nicht gesondert aufgeführt. Von Psilocybe cyanescens unterscheidet sich die Art durch den silbrigen Stiel, den spezifischen Geruch, dem Abtrocknen der Hüte von braun nach weiß sowie der feinen Riefelung dieser, im feuchten Zustand. Auch erfolgt kein unregelmäßiges Hochdrehen der Hutränder im Alter, was bei der robusteren Psilocybe cyanescens sehr zeitig beginnt. Außerdem bildet Psilocybe cyanescens viel mehr Psilocin als der böhmische Kahlkopf.

Tabelle 4: Psilocybin und seine Derivate in getrockneten Pilzen der Psilocybe cyanescens (%)

Beschreibung:

Hut: 2,5 cm breit, jung kegelig mit steil zum Stiel führenden Cortinafäden, die bald flüchtig werden, frisch und feucht kräftig haselnussfarben, nach weiß austrocknend mit häufiger spontaner Blaufleckung, oft schon bei jungen Exemplaren.

Stiel: 2 bis 14 cm, gleichmäßig dick, 1,5 bis 3 mm, silbrig, bei Druck stark blauend, im Alter hohl Lamellen: Meist flach ausgebuchtet, jung hell, später purpurfarben. Geruch: Rettich- bis kartoffelähnlich, laut Herink mohnähnlich.

Sporen: 9 bis 13,5 x 5 bis 8 μm. Das Wachstum dieser potenten Art ist von Ende September bis Dezember. Gelegentliche Nachtfröste mit Tagestemperaturen über 0° C stimulieren die Fruktifikation. Analysedaten (Gartz & Müller 1989; Gartz 1999) finden sich in Tabelle 3.

1.3 Psilocybe cyanescens Wakefield Blauverfärbender Kahlkopf

Psilocybe cyanescens

Psilocybe cyanescens wurde erstmalig 1946 von der englischen Mykologin E. Wakefield aus dem botanischen Gärten von Kew mit gültiger Diagnose beschrieben (Gartz 1999). Die Art war vor allem durch ein zeitiges, unregelmäßiges Hochdrehen der Hutränder, durch spätherbstliches Vorkommen auf Holzresten sowie der starken Blauung charakterisiert. Sie wuchs in den mehr waldigen Teilen der Gärten. Psilocybe cyanescens ist ähnlich wie Psilocybe bohemica befähigt, alle möglichen Pflanzenreste, wie Gras-, Blätter- oder Holzabfälle rasch zu besiedeln. Das Mycel wächst jedoch weitaus aggressiver und schneller, als das von Psilocybe bohemica. Auch die Fruktifikation auf engem Raum ist viel pilzreicher. So wurden z.B. auf zwei Quadratmetern Fläche (Holzreste) etwa 300 Pilze gezählt. Psilocybe cyanescens hat sich durch die neuere Verwendung von Rinde und Holzhäcksel in Städten ungeahnt ausgebreitet (Gartz 1996; 1999; 2002b), der Trend wird sich weiter fortsetzen. Die Art kommt mit Sicherheit in England, Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Norwegen, Schweden, Dänemark und Holland vor – sehr wahrscheinlich sind Standorte auch noch in anderen Ländern zu finden. Die Psychoaktivität der von Ende September bis Dezember wachsenden Art ist hoch, eine typische Analyse (Gartz 1996) ist Tabelle 4 zu entnehmen.

Der Pilz kommt auch im Nordwesten der USA vor (Gartz 1999; 2002b). Amerikanische Autoren glauben an eine europäische Herkunft, Mykologen aus Europa an eine nordamerikanische (Indiz: Vorkommen 1946 im botanischen Garten durch Einschleppung). Nach eigenen Untersuchungen (J.G.) kam der Pilz wahrscheinlich aber auch urpsrünglich in Europa vor (Gartz 1996). Die 1992 in Österreich nahe der tschechischen Grenze von J.G. und anderen gefundene Varietät, war nicht ganz so robust und im feuchten Zustand dunkler, als die nordamerikanische Sippe (Gartz 1996; 1998). Auch enthielt sie nur ca. ein Drittel der Alkaloidmenge, als die sich jetzt in Städten verbreitende nordamerikanische Varietät (Gartz 1996; 2002b). Trotzdem sind die Unterschiede im Habitus und die mikroskopische Struktur so wenig different, dass eine Abgrenzung als jetzt beschriebene tschechische „neue“ Art Psilocybe arcana Borovicka et Hlavacek nicht gerechtfertigt ist. Diese ist Psilocybe cyanescens entsprechend der Variation (Krieglsteiner 1984; 1986). Dazu könnte auch die an nur sehr wenigen Standorten gefundene Psilocybe liniformans Guzman et Bas gehören (Krieglsteiner 1984).

Beschreibung (vgl. auch Gartz 1998):

Hut: 2 bis 6 cm breit, zunächst kegelig, bald flach und schließlich mit gewelltem Rand, später oft der ganze Hut meist unregelmäßig hochgedreht, hygrophan, feucht braun bis dunkelbraun, trocken gelb, Oberfläche glatt, nur der Hutrand (feucht) gerieft.

Sporen: 5 bis 8 x 9 bis 12 μm (wie P. bohemica)

Lamellen: Breit, angewachsen, unterschiedlicher Stand, mit dem Alter zunehmend dunklerer Braunton.

Stiel: 2 bis 14 cm, 2,5 bis 5 mm dick, weißlich, nicht biegsam, oft gekrümmt, bei Druck schnell und stark blauend.

1.4 Psilocybe azurescens STAMETS et GARTZ Azurblauverfärbender Kahlkopf

Psilocybe azurescens

1979 wurde die ungewöhnlich große und stark blauende Pilzart erstmalig von Pfadfindern bei der Stadt Astoria (Oregon, USA) am Pazifik gefunden. Einige Jahre geisterten die Pilze durch verschiedene Informationskanäle, bis wir 1995 dann die Art gültig benannten (Stamets & Gartz 1995).

Sie wird in diesem Rahmen erwähnt, weil neben diversen Kulturversuchen (Schuldes & Lanceata 1999) neuerdings auch natürliche MassenvorPilz kommen in Deutschland nachgewiesen werden konnten (Gminder 2001). A. Gminder erwähnt in seinem Artikel eigene Funde bei Stuttgart, ab Ende Oktober 2000 und auch einen eigenen (J.G.) unveröffentlichten, vom November des gleichen Jahres (Zentralfriedhof Rostock). Letzterer bestand aus geschätzt 400 Pilzen von drei Standorten mit Holzresten auf diesem Areal. Somit wächst die, eher noch aggressivere Myzelvermehrung zeigende Art, im Vergleich zur nächsten Verwandten Psilocybe cyanescens auch spontan in Deutschland. Eine weitere Ausbreitung in den nächsten Jahren ist unbedingt zu erwarten. Die Standorte sind die gleichen wie bei Psilocybe cyanescens, ebenfalls die Fähigkeit zur Zersetzung verschiedenster pflanzlicher Abfälle bei massenhafter Pilzbildung. Psilocybe azurescens ist die größte und potenteste Art des gemäßigten Klimas und vielleicht sogar die psychoaktivste von allen Pilzspezies. Ihre Wachstumszeit ist von Ende September bis zum Eintritt des Dauerfrostes. Bei mildem Klima wurden noch im Januar Pilze gesichtet.

Eine typische chemische Analyse ergab die in Tabelle 5 zu findenden Werte (Stamets & Gartz 1995).

Tabelle 5: Psilocybin und seine Derivate in getrockneten Pilzen der Psilocybe azurescens (%)

Wie aus der Tabelle ersichtlich wird, sind für die Pilze – wie bei Psilocybe semilanceata und im Gegensatz zu Psilocybe cyanescens- hohe Baeocystinmengen charakteristisch. Von letzterer unterscheidet sich Psilocybe azurescens auch durch die konstante, charakteristische Hutform, die Größe der Fruchtkörper sowie durch die noch schnellere Blauung, die – auch bei alten Pilzen – spontan bis zur Schwarzfärbung gehen kann. Der Hut ist feucht heller, als bei Psilocybe cyanescens.

Beschreibung (vgl. auch GARTZ 1998; GMINDER 2001; STAMETS 1999):

Hut: 2,5 bis 10,4 cm (!) breit, glatt, anfangs glockig, dann konvex, alt flach werdend, in allen Stadien mit stumpfem Buckel, feucht gelbbraun, karamellfarben bis rötlichocker, hygrophan, nach gelblich bis cremeocker abtrocknend, Rand nicht wellig, an verletzten Stellen bzw. im Alter tiefblaue bis schwarze Flecken, bis zur kompletten Schwärzung.

Lamellen: Am Ansatz aufsteigend, ausgebuchtet bis angewachsen, fleckig braun, an verletzten Stellen indigoschwarz gefärbt.

Stiel: 6,8 bis 21,3 cm (!) x 0,2 bis 0,8 cm Dicke, hohl werdend, filzige Mycelien an Stielbasis (Rhizoide), bei Berührung in der ganzen Länge stark blauend, sonst weiß.

Sporen: 12,5 bis 13,5 x 6,5 bis 8 μm Da in den letzten Jahren Psilocybe azurescens auch in der Schweiz und in Österreich nachgewiesen wurde, ist ein Vorkommen in anderen Ländern sehr wahrscheinlich und die allseitige Ausbreitung der Art dürfte nur noch wenige Jahre dauern.

1.5 Andere psychoaktive Pilzarten der Gattung Psilocybe in Europa?

Es gibt noch weitere Funde in Europa, die aber nicht klar differenziert sind, so auch angeblich weitere nordamerikanische Arten. Deshalb sind hier z.B. einmalige Funde aus Nordeuropa, ohne direkten Vergleich mit den amerikanischen Aufsammlungen, nicht als Artbenennung aufgenommen worden. So erwähnt Stamets (1999) die Psilocybe silvatica (Peck) Singer et Smith von nordeuropäischen Funden, die sonst im Osten der USA vorkommt. Gleichzeitig bemerkt er die makroskopische Identität mit der Psilocybe pelliculosa (Smith) Singer et Smith, deshalb ist nicht einmal für Nordamerika eine klare Differenzierung gegeben!

 

mit freundlicher Genehmigung von Hartwin Rhode „Entheogene Blätter“

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